Gesellschaft Facebook

Sind wir Freunde?

Online Treffpunkte werden immer populärer. Das weltgrößte Sozialwerk Facebook macht sich auch in Südtirol immer mehr digitale Freunde. Es geht um Sehen und gesehen werden. Aber wo liegt der Reiz?

Onlinetreffpunkte werden immer populärer. Das weltgrößte Sozialnetzwerk Facebook macht sich auch in Südtirol immer mehr digitale Freunde. Es geht um Sehen und Gesehen werden. Aber wo liegt der Reiz?

Es ist der 17. Jänner. Tag eins eines Selbstversuchs. Es ist der Tag, an dem ich im Internet ein persönliches Profil bei Facebook anlege. Auf der Willkommen-Seite steht, Facebook ermögliche es mir, mit den Menschen in meinem Leben in Verbindung zu treten. Ja, das will ich.
Facebook nennt man ein „soziales Netzwerk”. Es wächst schneller als angenommen. Bis heute haben sich rund 150 Millionen Menschen angemeldet, die meisten aus den USA. 2008 wurde es in 20 Sprachen angeboten. Mitglied zu werden kostet nichts, außer einen nicht unerheblich großen Teil des eigenen Lebens.
Bei Facebook muss ich als Erstes eine Art Lebenslauf ausfüllen: Geburtsdatum, Geschlecht, E-Mail-Adresse, Schulkarriere. Ich lasse viele Felder frei. Lebe ich in einer Beziehung? Bin ich Single? Wie ist meine politische Einstellung? Was suche ich eigentlich in Facebook? Freundschaften, Verabredungen? Meine Interessen könnte ich eintragen, welche Bücher und Filme ich mag. Beschreiben soll ich mich auch. Ein bisschen erinnert das Ganze an ein Poesiealbum in Kindertagen.
18. Jänner. Ich suche zunächst nach all den Leuten in meinem E-Mail-Adressbuch. Ein Klick. Entdecke ich jemanden, den ich kenne, könnte ich ihn fragen, ob er oder sie „mein Freund” werden darf. Dann sehe ich all seine Fotos, seine Freunde und erzähle, was ich so mache. Je jünger man ist, um so mehr gibt jemand preis. Laut einer Studie ist der Prozentsatz der Erwachsenen in Sozialen Netzwerken in den vergangenen zwei Jahren von acht auf 35 Prozent gestiegen. 40 Prozent der Mitglieder sind älter als 35 Jahre. Jeder muss sein persönliches Netzwerk aufbauen in Facebook. Erst wenn Freunde und Kollegen mitmachen, bekommt das Ganze einen Sinn. Die Idee dahinter: private Informationen möglichst vielen Menschen möglichst leicht zugänglich zu machen. Es geht darum, möglichst viele Freunde zu haben.
Per Suchmaske kann man beliebige Namen eingeben und erfährt nach einem Klick, ob die betreffende Person bei Facebook ist. Ich tippe die ersten Namen ein. Nach und nach finde ich Menschen, die ich aus den Augen verloren habe – aber vor allem auch viel Südtiroler „Prominenz”: Von Reinhold Messner über Giorgio Moroder bis hin zu Thomas Widmann und Oskar Peterlini, Elena Artioli, die Geschwister Mölgg, Alessandro Urzì und Sonja Weissensteiner.
Artioli sagt, dass sie sich jeden Tag in diesem Netzwerk tummle. Die Lega-Abgeordnete schwärmt von Facebook als „die neue Kommunikation der Zukunft”. Man könne mit der ganzen Welt in Kontakt treten, Meinungen austauschen und Dinge organisieren, ohne sich jedes Mal persönlich treffen zu müssen. Und wie steht es mit der Privacy? Artioli schüttelt den Kopf. Sie sagt: „Ich habe nicht zu verstecken.”
Andere mögen denken, das ist doch lächerlich. Wenn man reden will, ruft man an oder schreibt eine Mail. Soziale Netzwerke im Internet kann man ablehnen, ignorieren mittlerweile aber nicht mehr. Zu viele Menschen scheinen eben mit hilfe dieser Plattform Kontakte zu pflegen. Es geht soweit, dass italienische Unternehmen Facebook den Kampf ansagen. Zu viele Mitarbeiter würden ihre Arbeitsstunden mit der Kontaktplattform verschwenden. Die Post etwa hat ihren Angestellten den Zugang gestoppt. Der Erfolg von Facebook wächst in Italien dennoch rasant. Im Herbst waren es über vier Millionen Nutzer.

capture24Zu den Südtiroler Nutzern zählt auch Michil Costa. Der Gadertaler Hotelier bezeichnet Facebook als eine „Art Freiheit”, eine „Kulturtechnik”. Warum er mitmacht? Costa sagt, er wolle verstehen, wie sich die Welt dreht. „Um mit etwas nicht einverstanden zu sein, muss ich es zuerst verstehen.” Also tanze er den „Technotanz” mit, um nicht überrumpelt zu werden. Facebook, sagt der Hotelier, könne zu weit ins persönliche Leben eindringen. „Es kann uns krank machen.”

19. Jänner. Je mehr Informationen ich weitergebe, desto mehr erfahre ich selbst. Ich frage einen Freund, der schon länger bei Facebook ist, warum sich hier so viele entblößten. Er sagt, es sei faszinierend, aus einer externen Beobachterrolle heraus das Leben von Verwandten, Freunden und Freundesfreunden mitverfolgen zu können. „Man wundert sich, was die Leute alles von sich preis geben.”
Das Profilbild ist wichtig. Schließlich sehen es alle. Viele Mitglieder aktualisieren ihr Profil täglich. Man erfährt so, wer wo im Urlaub ist, ob jemand gerade Kuchen isst,wann wo welche Party steigt. In meinem Facebook-Profil gibt es immer noch mehr leere als ausgefüllte Felder. Auch wenn ich weiß, dass man so nicht wirklich dazugehört. Hätte man Zugriff auf sämtliche Daten des Netzwerkes, würde man einen einmaligen Einblick in eine riesige Datenbank gesellschaftlicher Zustände und Verhältnisse erhalten.
Sven Knoll spricht in diesem Zusammenhang von der Tatsache, dass selbst im Internet „Klatsch und Tratsch” gut ankomme. Nach seiner Wahl zum Landtagsabgeordneten hat der Vertreter der Südtiroler Freiheit zig Freundschaftsanfragen in Facebook erhalten. Nicht jede, erzählt er, bestätige er. Eine bestimmte Privatsphäre müsse schließlich sein. Worin die Faszination besteht? Es sei die reine Neugierde, die die Menschen zu solchen Communities treibt. Knoll: „Je gläserner ein Mensch heute ist, um so interessanter scheint er zu sein.”
Die vom ehemaligen Harvard-Studenten Mark Zuckerberg, 24, 2004 gegründete Website ist ein Erfolg – weltweit. Der Jahresumsatz für 2008 lag laut Facebook zwischen 300 und 350 Millionen Dollar. Selbst viele Unternehmen drängen mittlerweile in derlei Netzwerke. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Absolit wollen elf Prozent mehr Firmen als noch 2007 nach Möglichkeiten suchen, im Social Web Präsenz zu zeigen. Seit rund einer Woche ist auch „Sportler” in Facebook.
Einige behaupten, die Zeiten für Netzwerke werden härter. Das Interesse flaue etwas ab. In Südtirol scheint Facebook noch zu boomen. In einem halben Jahr, sagt Philipp Achammer, könne es aber schon wieder anders aussehen. Der JG-Chef kennt den Boom vom Netzwerk „Studi VZ” – der wohl bekanntesten Studentenplattform. Tummelten sich die meisten bis vor einigen Monaten noch dort, passiert das nun auf Facebook. „Facebook ist reizvoller, da man nicht nur Studenten treffen kann.” Manchmal habe er den Eindruck, es finde ein „Wettrüsten” statt, wer denn nun mehr „Freunde” habe.
20. Jänner. Ich muss gestehen, dass mich der Facebook-Virus noch nicht befallen hat. Vielleicht, weil das eine nur mit dem anderen funktioniert: Ich kann nicht Schaulustige sein, ohne mich zu entblößen.

please click on: ff 04 vom 22. Jänner 2009

Un pensiero su “Gesellschaft Facebook

  1. arnold tribus

    Lieber michil, ich möchte am Samstag ein Sonntagsgespräch zur Lage in Tibet machen. Kannst Du mir , bitte, die Schwester seiner Heiligeit oder sonst eine tibetische Persönlichkeit vermitteln, die man interviewen kann? Bitte umgehend.
    Danke und einen schönen Tag,
    Arnold

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